Redebeiträge vom Richtfest

„Hallo zusammen,
schön, dass ihr alle da seid. 6 Jahre gibt es den Fanclub und wie man sehen kann, wurde
einiges geschafft!
Wenn man auf unsere Website geht, stehen da zwei Dinge:
• Unser Plan: vom Leerstand zum Wohnprojekt.
• Investiere in solidarischen Wohnraum und eine Zielsumme und Soll-Summe.
Bei unserem Plan sind wir auf einem sehr guten Weg, wie man hier sehen kann. Wir feiern
Richtfest und die K39 ist hinter einer Hülle aus Holz und Dämmung verschwunden.
Wahnsinn, wie sich dieses Haus verändert hat.
Der zweite Punkt sieht auch ganz gut aus. Über 900.000 € haben wir dank eurer
solidarischen Unterstützung eingesammelt. Vielen Dank dafür. Zum Ziel fehlen aber noch
100.000 €. Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn auch dieser Meilenstein
erreicht wurde.

Wir kamen wir eigentlich dazu, so völlig normal von 100.000 € zu sprechen? Vor 6 Jahren
hat sich eine Gruppe von Menschen aus Reutlingen die Frage gestellt, warum Leerstand
existiert, Häuser verfallen und gleichzeitig unsere Freund*innen ihre Miete nicht mehr
zahlen können. Warum steigen die Mietpreise weiter, während die Löhne nicht im
gleichen Maße steigen?
Eine Besetzung sollte das Thema populär machen und einen Raum schaffen, in dem auf
die Probleme aufmerksam gemacht wird und gleichzeitig nach Lösungen gesucht werden
kann. Die Idee war geboren, ein leer stehendes Haus musste wohl leider nicht lange
gesucht werden. Die Kaiserstraße 39 bot sich aufgrund der Lage an und so zog die Crew
in die Kaiserstraße 39 und fand lustige Hinterlassenschaften der früheren
Bewohner*innen, wie den Sticker Fanclub Eigenheim. Die Idee des Fanclubs war geboren
und die Crew packte das Kollektiv mit rein. FCK Eigenheim.
Einen Monat lang lebten hier ganz unterschiedliche Menschen zusammen, diskutierten,
feierten, machten Kehrwoche und setzten vor allem die K39, wie sie schnell hieß, so gut
es ging wieder in Stand. Es kamen Nachbar*innen und alle mögliche Menschen aus der
Stadt vorbei, brachten Möbel, Kuchen oder Bier, saßen mit uns zusammen beim Grillen, auf
Konzerten und zeigten ihre Solidarität. So entstand eine wilde und bunte
Wohngemeinschaft, gerade mit dieser Unterstützung. Sehr schnell wurde der Bedarf nach
Freiraum deutlich, denn die K39 wurde zu einem Zuhause für zeitweise 10 Menschen.
All das hat uns viel Kraft gegeben, unsere Arbeit weiter zu verfolgen und am Schaffen
unkommerzieller Räume dran zu bleiben.

Da schwappte eine Idee, welche in Tübingen und vielen weiteren Städten in Deutschland
seit Jahrzehnten gelebte Praxis ist, in die Gruppe. MHS – Wohnprojekt – Selbstverwaltung.
Der Erhalt von Räumen für Wohnen und Subkultur. Warum nur diskutieren und
Forderungen stellen, wenn man auch gleichzeitig selbst Wohnraum schaffen kann, aus
dem einen niemand mehr verdrängen kann. Wo diejenigen über ihr Haus entscheiden,
die auch darin wohnen.
FCK Eigenheim wurde ein Verein. Kurz darauf folgte die GmbH, die Gruppe teilte sich in
Arbeitskreise Finanzen, Bau, Öffentlichkeitsarbeit und machte sich daran, in unzähligen
ehrenamtlich geleisteten Arbeitsstunden zu verstehen, wie Finanzpläne aussehen, wie sich
das Baurecht gestaltet, was eine ortsübliche Vergleichsmiete ist und wie man am besten
für seine Idee wirbt, Wohnraum anders zu denken und zu gestalten. Wenn wir
zurückblicken, möchten wir allen danken, die ihre Zeit in dieses Projekt investiert haben,
sich dabei beeindruckend professionalisiert haben und all die 6 Jahre dabei geblieben
sind. Krass, was hier geleistet wurde und wird.
In teilweise sehr langen und zähen Verhandlungen wurde eine Einigung mit der Stadt
gefunden und das Grundstück ausgeschrieben. Der FCK Eigenheim hat diese Ausschreibung
gewonnen und konnte sich daran machen, DK für DK sich immer weiter der
Millionenmarke zu nähern. So dass genügend Eigenkapital für den Kauf und die
nachhaltige Sanierung vorhanden war. Infostände, Demos, Veranstaltungen aller Art
wurden besucht, um für unsere Sache zu werben. Möglich wurde dies auch, weil nicht alle
Verhandlungen mit der Stadt so zäh waren. Der OB hat sich immer wieder für uns
eingesetzt, einzelne Menschen aus der Verwaltung haben uns unglaublich unterstützt,
dabei die ganze Bürokratie erfassen zu können. Auch diesen Menschen gilt unser Dank.
Im Kleinen zeigen wir hier, wie eine solidarische Stadt aussehen kann, wie
Wohnungspolitik für die Menschen gestaltet werden kann. Trotz Pandemie, mit
steigenden Baukosten vor allem beim nachhaltigen Bauen. Trotz einer Bundespolitik, die
keine Planbarkeit schafft und man immer wieder bangen musste, ob die KfW-Fördertöpfe
noch mal gefüllt werden oder ob wir scheitern. Trotz Eigentümern des
Nachbargrundstücks, die mehr an ihren eigenen Profit dachten, als an einen fairen
Grundstückstausch zur Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum. Denn eigentlich
ist das Projekt nur halb fertig. Barrierefreier Wohnraum für Menschen aller Semester oder
Leute, die nicht in WGs leben wollen, fehlt. Unser Traum vom Neubau bleibt.
Im Großen hat zwar der Bund die KfW-Fördertöpfe wieder gefüllt. Sonst haben sich die
Mieten in den letzten 6 Jahren jedoch weiter nach oben entwickelt. Leerstand existiert
immer noch überall in der Stadt und Volksentscheide, wie in Berlin, die für die
Vergesellschaftung von ehemals staatlich gebauten sozialem Wohnraum votierten,
werden von CDU und SPD einfach verschleppt.

Für uns bedeutet das, nur einmal mehr unseren Wohnraum selbst zu verwalten, dafür zu
kämpfen, dass ähnliche Modelle gewagt werden, dafür zu werben, dass sich Menschen
aufmachen, Wohnraum nicht als Ware, sondern als Menschenrecht zu begreifen, wie es
die BRD auch eigentlich normativ festlegt. Dazu kann ein jeder seinen oder ihren Beitrag
leisten. Kuchen backen, Hämmer schwingen, 500 € als Kredit und in dieses Haus
investieren oder einfach für uns werben und hier und heute eure Solidarität zeigen. Die
K39 ist auch ein Zeichen, dass man etwas verändern kann. Ein Zeichen, dass nachhaltige
Sanierungen möglich sind, dass Wohnen auch gemeinschaftlich organisiert werden kann
und dass Häuser dauerhaft dem Markt entzogen werden können.
Wie geht es nun weiter?
Heute feiern wir mit euch. Und dann wird fertig gebaut, sodass nächstes Jahr hier 12
Menschen einziehen können. In den nächsten Jahren wollen wir genau beobachten, was
die Eigentümer der Nachbargrundstücke hier vorhaben und dafür kämpfen, dass
Wohnraum für alle da ist.
Keine Profite mit der Miete. Die Häuser denen, die drin wohnen. Danke für euer Kommen
und jetzt lasst uns anstoßen, ins Gespräch kommen, das Haus besichtigen und feiern.
Dankeschön!“

Verfasser:Innen und Redner:Innen sind Paul Sieger und Mahira Ahammed

Das Beitragsbild ist von Anna Sieger